Einführung

Ornament (lat. ornare »schmücken«), Schmuckwerk, Verzierung, bezeichnet das einzelne Verzierungsmotiv im Unterschied zur Ornamentik, die die Summe des ornamentalen Vokabulars eines Kultur- oder Kunstkreises bzw. einer Epoche, eines Stils umfaßt, und zur Dekoration, die das Ensemble aller Schmuckelemente einer Architekturfassade, eines Innenraumes, eines Möbels usw. umschließt. Das Ornament ist seinem Wesen nach kein selbständiges Gebilde, sondern bedarf eines Trägers, dem es entweder als plastische Form aufgelegt (z.B. Beschlag an Möbeln und Türen), aufgemalt oder eingelegt ( Intarsia oder Tauschieren) sein kann. Es tritt in allen Kunstgattungen auf, v.a. aber in der Baukunst (Bauornamentik) und im Kunstgewerbe. Meist ordnet sich das Ornament der Struktur und der Funktion des Gegenstandes, den es schmückt, unter. Das Ornament ist nicht nur eine Verzierung schlechthin, sondern eine Grundform des künstlerischen Ausdrucks des Menschen überhaupt, als grundsätzliches Streben, Formen zu ordnen, die vielfach auch symbolisches Zeichen waren.

Die Anfänge der Ornamentik im frühen Jungpaläolithikum belegen das Ornament als Reflex elementarer und dabei auch elementar ästhetischer Schmuck-, Unterscheidungs- und meist magisch-ritual aufgefaßter Schutz- (Apotropaion) und symbolischer Bezeichnungsbedürfnisse, die Gerät und Raum (frühe waagerechte Linien in der frankokantabrischen Höhlenmalerei) genauso erfaßten wie vermutlich den menschlichen Körper (Tatauierung). Dieser früh ausgebildete Zeichencharakter des Ornaments, seine hinweisende und bedeutende Funktion, gehören damit zu seinen Wesensmerkmalen. Das sozial notwendige Produzieren erster Ornamente erweckte dauerhafte und der unaufhörlichen Wandlung unterliegende Bedürfnisse nach Ornamenten, die selbst durch entschieden puristische Bestrebungen (z.B. Anfang 20. Jh.) nicht vollends beseitigt worden sind. Im Gegenteil sind in der 2. H. 20. Jh. die Bemühungen um eine neue Ornamentik auf verschiedenen Wegen verstärkt worden. Andererseits widerspiegelte die puristische Kritik, z.B. von A. Loos, seit 1897 die Krise der Ornamentik im 19. Jh., sichtbar geworden im Eklektizismus (Kritik an Ornamenten war bereits im 18. Jh. laut geworden). Zu gleicher Zeit hatten die Jugendstilkünstler versucht, eine neue, teils vegetabilistische und sich rankende, teils mehr geometrisch stilisierte (proto-abstrakte) Ornamentik von allgemeiner Geltung zu schaffen. Da diese jedoch noch nicht umfassender Reflex des sich entwickelnden industrialisierten Bauens und der neuen Qualität der industriellen Revolution war, konnten ihr nur Teilerfolge beschieden sein.

Die wesentlichen Aufgaben des Ornaments bestehen darin, die ästhetische Wirkung des jeweiligen Träger-Objektes zu akzentuieren, zu steigern, es zu gliedern, Flächen zu beleben und praktische bzw. symbolische Zwecke zu verdeutlichen. Bei einer Vase kann z.B. das Ornament dazu beitragen, die einzelnen Teile (Fuß, Bauch, Hals,) optisch voneinander abzusetzen bzw. im Gegensatz dazu aus einem spielerisch-genußvollen Bestreben heraus die Grenzen von Teilen optisch zu verunklären. Die Art und Weise, wie das geschieht, ist in den einzelnen Kunstgattungen und Stilen unterschiedlich. Das Ornament am Möbel unterliegt ebenso spezifischen Gesetzen wie dasjenige an der Architektur usw. Auch die einzelnen Stile zeigen nicht nur eine ihnen eigentümliche formale Bildung ihrer Ornamentik, sondern gleichermaßen eine besondere Auffassung von der Funktion des Ornaments. In gewissem Maße hat sich auch in verschiedenen Epochen und Stilen eine Ikonologie des Ornaments ausgebildet (z.B. Rocaille; die Bevorzugung antikisierender Kapitell- usw. Ornamentik an kaiserlichen Bauten der dt. Romanik; im Unterschied dazu die Würfelkapitelle der Hirsauer Bauschule). Das Ornament kann aus dem gleichen Material wie sein Träger oder materialverschieden sein (z.B. Bronzebeschläge auf Holzmöbeln; Einlegearbeiten). Darüber hinaus sind mannigfache Verbindungen mit Plastik (ornamentale Verzierung von Denkmalssockeln usw.) und Malerei (z.B. in der Buchmalerei) möglich. Allg. ist das Ornament nicht nur auf eine Kunstgattung beschränkt, wenngleich es zumeist führenden Anteil an der Ausbildung der jeweiligen Ornamentik hatte (z.B. Architektur und got. Maßwerk). Im Extremfall können sogar die Gegenstände vom Ornament her geformt sein. Das tritt besonders in Spätphasen, wie dem Rokoko, auf (Gefäße in Ohrmuschel- oder Rocailleform; Grotten in Parks als gebaute Rocaille u.a.), ja ganze Bildkompositionen können wie im Rokoko-Ornamentstich vom Ornament her bestimmt sein.

Die beiden Hauptformen des Ornaments zu allen Zeiten sind das konstruierbare geometrische Ornament und das vegetabil. Ornament, wobei die Grenzen häufig fließend sind. Beide Formen kommen zu allen Zeiten vor. Das Pflanzen-Ornament kann alle Stufen von der wirklichkeitsgetreuen Nachbildung einer bestimmten Pflanze bis zu einer botanisch nicht mehr definierbaren Gestaltung von Blüten, Blättern und Ranken durchlaufen. Neben diesen Hauptgattungen gibt es Ornamente aus Tier- und gelegentlich auch menschlichen Formen, architektonischen Elementen (z.B. die Triglyphe) und die Schriftzeichen. Solche Sonderformen, abgeleitet von verschiedenen Ausgangspunkten, sind Flechtband, Schnurkeramik, Ohrmuschelstil, Bandelwerk, Rollwerk und Rocaille. Für einige Epochen oder Stile sind die Ornamente sogar derart bestimmend gewesen, daß sie die bildende Kunst zurückdrängten oder bes. nachhaltig modifizierten (vgl. Tierornamentik der Germanischen Kunst, Islamische Kunst). Technisches Ornament ist eine seltene Bezeichnung für Verzierungen auf urgeschichtlichen Gegenständen, die sich auf technische Detailformen der jeweiligen Geräteform zurückführen lassen. Die Zusammenhänge mit der Schrift und ihren Eigentümlichkeiten ( Kalligraphie, Schriftkunst) waren in einigen Kulturen zeitweilig besonders eng; sie rühren aus Wesensmerkmalen der betreffenden Kunst, ihrer bestimmenden Auffassung von Mensch, Welt, Form her. Außerordentlich vielgestaltig ist auch die Entfaltung des Ornaments in der Volkskunst, wo sie oft einzige entwickelte Schmuckform ist. Die vorherrschenden Arten der Komposition der Ornamente auf dem Ornamentträger sind Wiederholung, Reihung (vgl. auch die Ornamentfriese in der antiken oder mittelalterlichen Architektur, Fries) und Symmetrie, aber auch eine Rhythmik der Abwandlung, der Dynamik. Wie andere Kunstarten auch, die z.B. den malerischen (Ornamentik des 6. Jh. in Konstantinopel und Ravenna usw.) oder tektonischen Charakter von Ornamenten prägten, hat die Ornamentik auf ihre Schwesterkünste gewirkt. Um diesen Einfluß terminologisch zu fassen, hat man den Begriff »das Ornamentale« (ornamental) von Ornament abgeleitet (ähnlich wie den des Graphischen von der Graphik) und damit zu einer allgemeinen Formkategorie zur Kennzeichnung jener Komponenten in anderen Künsten gemacht, die an die Wirkungsweise des Ornaments anknüpfen (vgl. bes. die ornamentalen Tendenzen [Umgang mit »pattern«] in verschiedenen Richtungen der modernen Kunst, kurvolineare Tendenzen in der abstrakten Kunst, im Jugendstil, im Orphismus). Beispielsweise ist die Op Art eine weitgehend ornamentale Kunst, die sich objekt- und bildhafter Isolierung ihrer Formen bedient.

Das Ornament ist eine der frühesten Kunstäußerungen des Menschen überhaupt. Neben der rein figürlichen Gestaltung spielte es in der urgeschichtlichen Kunst eine bedeutende Rolle und ermöglicht in vielen Fällen nicht nur künstlerische, sondern auch allgemein-kulturelle Zusammenhänge und Beziehungen aufzudecken. Die Anfänge des Ornaments liegen im frühen Jungpaläolithikum und sind mindestens zeitgleich, wenn nicht sogar älter als die Tierdarstellungen. Zahlreiche Ornamente besaßen über die Freude hinaus, Geräte usw. zu verschönern, einen Symbolgehalt, der in einer Spätstufe dann häufig verlorengehen konnte. - Das ur- und frühgeschichtliche Ornament wurde meist beherrscht von rein geometrischen Figuren. Zahlreiche Motive kehren immer wieder: Zickzackband, Sparrenmuster, Dreiecke, Kreise, Rauten, Punkt, Spiralen, Tannenzweigmuster, Schachbrettmuster. Gern wurden figürliche Darstellungen mit ornamentaler Gestaltung vereinigt, wobei entweder die Figur (meist Tiere, weniger der Mensch) völlig dem Ornament untergeordnet wurden oder das Ornament als Rahmen für die Figur oder trennendes Band zwischen figürlichen Szenen diente. Auch pflanzliche Motive wurden ornamental gestaltet. Bevorzugt findet sich das Ornament auf der urgeschichtlichen Keramik, wo es häufig die Form des Gefäßes durch entsprechende Anordnung betont. Das Ornament kann hier eingeritzt, eingestochen, eingestempelt, eingerollt, aufgemalt oder plastisch geformt sein. Vertiefte Ornamente sind teilweise mit weißer Paste ausgefüllt. Außer auf der Keramik begegnen wir dem Ornament auf Horn und Knochen (als Gerätschaften), auf Metall (als Schmuck, Gerät oder Waffe), auf Steindenkmälern; nur selten erhalten geblieben, aber sicherlich auch sehr häufig auf Holz, Leder oder Textilien. Höhepunkte des Ornaments waren die neolithische Keramik, bronzezeitliche Metallerzeugnisse und die unter griechischem bzw. pontischem Einfluß stehende Hallstatt- und Latènekunst.


GESCHICHTE

Mittelmeerisch-europäischer Kunstkreis: Vegetabilistische Bildungen wurden zum erstenmal bestimmend in Ägypten durch die Verwendung der Lotosblume, die in verschiedenen Ansichten und Ausprägungen auftrat. Daneben existieren Formen, die aus der Lilie, dem Papyrus und Schriftzeichen abgeleitet sind. In einem stufenreichen, sehr komplizierten Verwandlungsprozeß entstand aus dem ägyptischen Lotos-Ornament die griechische Palmette. Eine Vermittlerrolle zwischen dem ägyptischen und griechischen Kulturbereich spielte Mesopotamien, dessen Pflanzen-Ornament zu den kyprischen Ornament-Formen des 8. und 7. Jh. v.Chr. und von dort zum griechischen Ornament weiterführten. Vorausgegangen war dem aber in der griechischen Kunst eine Epoche (9./ 8. Jh. v.Chr.), deren Ornamentik von geometrischen Formen beherrscht wurde (Linie, Punkt, Zickzack, Mäander, Dreieck, Kreis). Erst mit der Archaik setzte unter dem Einfluß des Vorderen Orients (orientalisierender Stil) eine Naturalisierung des Ornaments ein, die die Palmette allmählich in das dem natürlichen Gewächs angepaßte Akanthus-Ornament verwandelte, das aber in der folgenden Zeit, v.a. in der römischen, wieder stilisiert wurde, sich dem Palmetten- und Lotos-Ornament annäherte und in der späten Kaiserzeit und der frühchristlichen Kunst zu stark malerisch geprägten Wirkungen geführt wurde (Kapitellplastik in Ravenna). Zu den wichtigsten Ornamentformen der Antike gehören außerdem die Palmettenranke und der Mäander.


Unabhängig von der mittelmeerischen Tradition entwickelten die germanischen Völker im nördlichen Europa eine Tierornamentik, in der Tierfiguren mit verschlungenen Bändern verbunden sind und die in Skandinavien bis um 1200 nachweisbar ist. Im allgemeinen ging die Vorherrschaft des german. Tier-Ornaments mit der Völkerwanderungszeit zu Ende. Eine eigenständige Ornamentik entwickelte, teils auf antike Vorbilder gestützt, teils weiter zurückgreifend und auch lokales altorientalisches Erbe aufnehmend, die islamische Kunst. Für diese sind neben geometrischen Ornamenten (die auch die Kufi-Schrift beeinflußten) die stilisierte Arabeske und die Maureske kennzeichnend geworden, in der Gestaltung wurde das Spiel von Form zu Form ohne Betonung von »Muster und Grund«, die Unendlichkeit der Musterung (»unendlicher Rapport«) bestimmend (Integration von Schrift und Ornament an kultischen Bauten; Blüte der Kalligraphie, Buchillustration, Textilkunst).


Mit der karolingischen Kunst begannen um 800 in starkem Maße antike Formen, besonders aus der spätrömischen Kunst des 4. -6. Jh., nach Norden vorzudringen. Bis in das 12. Jh. ist die mittelalterliche Ornamentik durch die Auseinandersetzung zwischen der Palmette, dem Akanthus und der germanischen Tradition gekennzeichnet. Die romanische Ornamentik ist in ihrer territorialen Ausprägung und zeitlichen Abfolge außerordentlich vielgestaltig ( Kapitell), besonders reich ist z.B. das figürliche Kapitell in Süd-Frankreich ausgebildet worden, daneben zahlreiche Abwandlungen antikisierender Formen und die dekorative Ausdeutung des originär romanischen tektonischen Würfelkapitells. Neben verschiedenen Rankenformen und dem weiterlebenden Flechtband sind Rundbogenfries, Zahnschnitt u.a. geometrische Formen anzutreffen.


Eine neue autochthone Entwicklung des Ornaments nördlich der Alpen setzte mit der Gotik ein, deren führendes Ornament, das Maßwerk, einen stark geometrischen Charakter aufweist und seine Wurzeln in der Architektur hat. Von dort wurde es auch auf andere Gegenstände (Chorgestühl, Grabstein, Tabernakel, Monstranz usw.) übertragen. Den naturalistischen Gegenpol des geometrischen Maßwerks bildete im 13. Jh. eine reiche Pflanzenornamentik, die den noch in der Romanik herrschenden Akanthus durch einheimische Pflanzen (Weinstock, Wegerich, Eisenhut, Efeu, Hagebutte, Wacholder, Eiche u.a.) verdrängte. Ein bedeutendes Beispiel in Deutschland ist das Blattwerk vom West-Lettner des Naumburger Domes. Das Maßwerk selbst zeigt in seiner weiteren Entwicklung eine immer stärker werdende Tendenz zum Vegetabilischen. In der Spätgotik ist es ein Gewirr massenhaft gehäufter, verschränkter und verquirlter Formen (flamboyantes Maßwerk), dessen ursprünglich rein geometrischen Stäbe gelegentlich die Gestalt von Ästen ( Astwerk) annehmen. Im Vergleich zur Früh- und Hochgotik zeigt aber das spätgotische Ornament kaum größeres Interesse an der naturalistischen Einzelform, vielmehr wird z.T. die Symbolik der Ornamente und Ornamentsysteme verstärkt (obersächsische Hallenkirchen). Dekorative Sonderleistungen erbringt aus der Bearbeitung des besonderen Materials die Backsteingotik.


Eine neue Phase in der Geschichte des Ornaments leitete die italienische Renaissance mit dem Rückgriff auf die antike Ornamentik kaiserzeitlicher Prägung ein. Den entscheidenden Schritt nach ersten Stufen besonders in der Kapitellbildung und naturalististischen Pflanzen-Ornamentik im 15. Jh. vollzogen Raffael (Loggien im Vatikan) und G. da Udine, die die Dekoration, wie sie sich im »goldenen Haus« des Nero erhalten hatte, für die Renaissance entdeckten. Das dort ausgeprägte System aus Stauden, Kandelabern, Figuren und Mischwesen ( Groteske) wurde in der Folgezeit weiterentwickelt und blieb von Bedeutung für die Dekoration bis in das 19. Jh. Neben der Groteske findet sich in der Ornamentik der Renaissance u.a. der Akanthus, das Rollwerk, die aus dem islamischen Kulturbereich importierte Maureske, die sich später auch mit der Groteske verband, und das Beschlagwerk, das aber schon der 2. H. 16. Jh. angehört. Eine eigene Entwicklung, durch den Ornamentstich verbreitet, entstand im 16. Jh. im niederländischen und deutschen Rollwerk und Beschlagwerk.


Das barocke Ornament hat nicht die Klarheit und formale Disziplin der Renaissanceornamentik. Es zeigte einen mehr irrationalen Charakter und körperlich-plastische Formen, wie in dem Anf. 17. Jh. auftretenden sog. Knorpelstil, der außerdem durch anthropomorphe Züge gekennzeichnet ist und die Groteske in verwandelter Form weiterführt. Der Akanthus lief vorerst nur nebenher, gewann Ende des 17. Jh. aber die Oberhand, jedoch nicht mehr als die kleinteilige, perlende Ranke der Renaissance, sondern als schwungvoll wuchtiges, pathetisches Ornament ( Bandelwerk, Knorpelwerk). Besonders die italienische und französische Dekoration hatte sich dieses Ornaments mit Vorliebe bedient.


Die wesentlichen Merkmale der Ornamentik und Dekoration des Rokokos sind Leichtigkeit, Labilität, Asymmetrie und üppiger Formenreichtum, in dem die Rocaille als das zentrale Schmuckmotiv herrscht. Bedeutenden Anteil an der Ausbildung dieses in den 1730er Jahren in Frankreich entstandenen Systems hatte die etwas früher aufgekommene Chinamode, durch die fernöstliche Ziermotive Eingang in die dekorativen Künste fanden ( Chinoiserie).


Im späten 18. Jh. setzte gegen diese überreiche Ornamentik eine entschiedene Ablehnung ein. Der Klassizismus orientierte sich wieder auf antike Schmuckformen. Seine Dekoration ist gekennzeichnet durch Strenge, Einfachheit und Klarheit. Neben dem Akanthus wurden u.a. Kranz, Girlande, antike Vasen, aber auch ägyptische Formen aufgenommen. 

Im 19. Jh. brachte der Historismus nacheinander eine teilweise unschöpferischer Neubelebung des Ornaments der Gotik, des Rokokos, der Renaissance, des Barocks und der Romanik. Der Gefahr der Verwilderung besonders durch die »industrielle« Ornamentverwertung im sog. »Industriehistorismus« suchten Künstler durch die Herausgabe von Ornamententwürfen in Mustersammlungen zu wehren. 

Erst der Jugendstil unternahm mit seinen vegetabilen bzw. abstrahierenden kurvolinearen Formen den Versuch, eine neue Ornamentik zu schaffen. Seine Bemühungen fanden aber kaum Nachfolge, scheiterten v.a. in der Bauornamentik. Es setzte sich vielmehr, besonders unter den Architekten, immer mehr die Auffassung durch, daß das Ornament, besonders an langlebigen Dingen, keine Existenzberechtigung mehr habe (A. Loos: »Ornament ist Verbrechen«).

Bis heute zeigen sich kaum Ansätze zu einer Ornamentik, die sich zu allgemeiner Geltung und Verbindlichkeit entwickeln könnte. Vielmehr sind durch die Befreiung von Linie, Fläche, Raum und Farbe von Darstellungswerten ornamentale Werte in die verschiedenen künstlerischen Bewegungen eingedrungen: Wellenlinie und symbolhafte Arabesken im Jugendstil und Neo-Jugendstil (Plakatwelle der späten 1960er Jahre; F. Hundertwasser), geometrische Formen (z.B. Rautenmuster) in Konstruktivismus oder Op Art, folkloristische Elemente in zahlreichen Ländern Ost-Europas und in der außereuropäischen. Kunst, ostasiatische Schriftzeichen bei japanischen Künstlern (Kumi Sugai). Eine ganze Reihe von Künstlern hat sich vorrangig ornamentalen Formen zugewandt (Ende der 1950er Jahre u.a. W. Schreib, G. Bubenik, N. Kruzenik, F. Stella, R. Indiana). Am konsequentesten haben sich die Ansätze zu neuen Ornamenten im Zusammenhang mit struktiven Formen für die Architektur (Raumteiler; Fassadenschmuck usw.) entwickelt.

Außereuropäische Kunst:

Für die Erkenntnis der Frühgeschichte des Ornaments ist das ornamenthafte Schaffen bei Völkern mit vorwiegend ur- oder gentilgesellschaftlichen Verhältnissen besonders aufschlußreich. Ornamentaler Schmuck und Bemalung des Körpers neben den Gebrauchsgegenständen ist z.B. bei den zentralafrikanischen Pygmäen und den südostasiatischen Negritos üblich, bekannt ist die reiche Bemalung des Körpers bei den einstigen Indianerstämmen Nord-Amerikas. Es ist offensichtlich, daß der Schmuck plastischer u.a. Gebrauchs- und Kultgegenstände mit der Seßhaftigkeit der Stämme steigt, andererseits ist eine große Häufigkeit auch für jene Gruppen nachzuweisen, die sowohl Jäger und Fischer als auch schon »Erntevölker« sind, man vergleiche die außerordentlich verfeinerte Ornamentik der Indianerstämme der amerikanischen Nordwest-Küste. Rein geometrische Ornamente sind neben jenen auf Kultgegenständen auch an Hauswänden üblich (Stammeshäuser, Kulthäuser, aber auch andere), u.a. in Afrika.

Einen großen Aufschwung nahm die Ornamentik bei fast allen Pflanzervölkern, vornehmlich in Ozeanien, z.T. bis zu einer bemerkenswerten Formenfülle und Üppigkeit der Ornamente. Sehr eng ist bei allen diesen Völkern der Zusammenhang von Ornament und Masken. Insgesamt gesehen sind bei diesen Kulturen, wenngleich unterschiedlich gerichtet, alle frühen Ornamenttypen anzutreffen, gleich ob geometrisch (in Afrika z.B. in Kamerun und bei den Yoruba) oder nur mit figürlichen Motiven (Vögel, Fische u.a. Tiere) bzw. mit diesen vermischt (häufig in Afrika; Maori-Reliefs mit Flechtband, Spiral-Ornament und stilisierten menschlichen und vogelartigen Figuren; Sibirien: typisch krummlinige und Spiral-Ornamente mit stark stilisiertem Pflanzen- und Tier-Ornament). Selbst bei nur wenigen Ornamenten, z.B. bei einigen Völkern aus Äthiopien (nur 2 Motive: Zickzack und Fischgräte), wurde ein beachtenswerter Variationsreichtum erzielt. Bislang ist diese Ornamentik noch ungenügend erforscht, obschon die Völkerkunde sich mit ihr seit ca. 1900 intensiv beschäftigt hat. Da zu viele Hypothesen aufgestellt worden sind, ist für ein reales Bild einschließlich der Schaffung echter Ordnungsprinzipien (Stilgruppen usw.) noch viel zu tun.

In der frühen südostasiatischen Kunst treten üppige Blatt- und Ranken-Ornamente neben geometrischen Formen auf (häufig Spirale; diese auch in China, vgl. schon bronzezeitliche Gefäße, ferner Zickzackband, Flechtband, stilisierte Tiere). Sie wirken weiter in der buddhistischen Kunst Asiens, in Indien später modifiziert durch die islamische Einflüsse, in China im Wechselspiel mit sibirischer und mongolischer Ornamentik. Originelle Formen der chinesischen (auch japanischen und koreanischen) Ornamentik sind u.a. die gezackte Raute, stilisierte Landschafts- (sog. Wolkenballen, »Wolkenzipfel«) und Tierformen (sog. Vogeldrachen der Lackmalerei); aus West-Asien werden Palmette und Rosette übernommen. In der Architektur zeigt sich Vorliebe für Durchbruchformen (u.a. Maßwerkfenster), reich ausgebildet ist an Holzbauten das vielfach gestaffelte Konsolgebälk.

In der mongolischen Kunst z.B. werden die Ornamente den Formen nach in 5 Gruppen unterteilt: geometrische, tierische, pflanzliche, Naturkräfte darstellende und lamaistische Ornamente. Zu den am verbreitetsten geometrischen Ornamenten gehört das die Idee der ewigen Bewegung und des ewigen Lebens symbolisierende Hammer-Ornament. Miteinander verbundene Kreise und Quadrate bedeuten Wahrheit, ewige Freundschaft, Kraft und Ausdauer, verflochtene kreuzförmige Ornamente symbolisieren »10.000 Jahre Glück«. Verbreitet sind auch das Böse verschlingende Ozeanwellen in Form von Halbkreisen auf Filzteppichen am Jurteneingang. Zu den tierförmigen Ornamenten gehören Hörner (Erblühen der Viehzucht), Pferdeköpfe (menschliches Denken), Drachen (Macht und Größe), Fische (Wachsamkeit) und Mäuse (Fruchtbarkeit des Viehs). Pflanzliche Ornamente (Blumen und Blätter) treten v.a. in der Architektur, Malerei und Plastik auf und symbolisieren vornehmlich auf Buddhastatuetten die Reinheit und Unschuld. Die Ornamente der 4. Gruppe gehören zu den ältesten, wobei der Blitz Symbol der Unbesiegbarkeit und das Feuer Symbol der Entwicklung und Wiedergeburt sind. In der 5. Gruppe verbinden sich Elemente der anderen Ornamente mit lamaistischer Symbolik. Besonders beliebt ist die Darstellung der »Acht Opferungen« (Tempeleingänge, rituelle Gegenstände, Musikinstrumente). Bei den lamaistischen Ornamenten ist die Symbolik der Farben (rot = Sieg, blau = Wahrheit, gelb = Liebe, weiß = Reinheit, schwarz = Armut und Verrat) und Materialien stark ausgeprägt (Gold oder Bernstein = Liebe, Korallen = Freude, Perlen oder Silber = Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit).


aus:

Lexikon der Kunst: Ornament, S. 1 ff. Digitale Bibliothek Band 43: Lexikon der Kunst, S. 23958 (vgl. LdK Bd. 5, S. 311 ff.) (c) E. A. Seemann